Himmelaufwaerts

Samstag war es. Ja, Samstagabend musste es gewesen sein. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Dass es Abend war, das weiß ich aber noch genau. Mutter war in der Küche, sie backte wahrscheinlich. Sie ist so eine stille Frau, und so warmherzig. Ich denke, sie kann mit ihrem ruhigen Gemüt ihre Gefühle am besten in der Kunst des Kochens ausdrücken. Es macht sie glücklich. Und das ist momentan das Einzige, das ich mir für sie wünsche.
Schnell wusch ich mir die Träne von der Wange, die mir bei dem dummen Gedanken an meinen Vater kam, und stand von den Treppen auf. Es ist ein beruhigender Ort, er macht mich ein wenig melancholisch und nachdenklich. Hier haben meine Gedanken freien Lauf. Ich huschte an der offen stehenden Küchentür vorbei und lächelte in mich hinein, als ich meine Mutter summend beim Teigkneten sah. Ich war so froh, dass sie nicht weinte.
Unsere Haustür muss man vorsichtig aufschließen; wenn man ruckartig daran zieht, knarrt sie fürchterlich laut. Mir zerspringen fast die Ohren bei diesem Geräusch. Ich schlüpfte durch den schmalen Spalt hindurch und zog sie langsam hinter mir zu. Mutter hatte anscheinend nichts bemerkt. Ich wollte sie nicht aufschrecken, und noch weniger wollte ich sie jetzt hier haben. Ich brauchte die Einsamkeit, ich suchte sie geradezu. Augenblicklich.
Mit fast lautlosen Schritten tapste ich die Steinstufen hinunter, zwei, drei, ich wusste es nicht. Nun wohnte ich seit fast sieben Jahren hier, und wusste immer noch nicht, wie viele Stufen diese kleine Steintreppe hat. Wow, dachte ich nur, wie mich meine Realität doch erschlägt. Wie sie mich einnimmt und mich den einfachen Dingen wegnimmt. Wie sie mir doch die Aufmerksamkeit nimmt.
Ich zog weiter. Die Melancholie schien mich fast aufzufressen, sie umschlang mich und hauchte mir ihren Atem ein. Mir wurde richtig schwindelig, und erfreulicherweise hatte ich gerade meinen Punkt erreicht. Ich ließ mich behutsam auf das große, schwarze Trampolin mit dem violetten Rand sinken. Und ließ mich zurückfallen. Es wippte mich ein wenig hin und her. Der Schwindel ließ mich in Frieden.

Ich öffnete meine Augen und erblickte den mächtigen Sternenhimmel. Die Nacht war schwarz, rabenschwarz. So dunkel, dass ich schon fast befürchtete, sie würde mich verschlingen. Doch wenn ich diese kleinen funkelnden, weißen Lichter sah, wie sie mich anlächelten – mit einem Mal war jede Angst und jede Melancholie wie verschwunden. Aufgelöst. Als würden sie nie wieder kommen.
Das endlose Sternenmeer dort oben in der Dunkelheit stand still da, grinste und strahlte. Es sah so unbeschwert und leicht aus. Warum konnte ich nicht so sein? Warum konnte mein Leben nicht so sein? Warum konnte ich dort nicht sein?
Ich sprang förmlich auf, stieg auf das Trampolin mit beiden Füßen fest. Unter mir ging es ein, doch ich setzte an und sprang hoch, ich fiel und landete wieder, doch ich versuchte es erneut. Mit jedem Sprung stieg mein Verlangen, dort oben hinzugehen, dort oben hinzugehören. Ich sprang höher und höher, jedes Mal tiefer hinein und weiter in die Höhe. Ich versuchte es immer und immer wieder, und meine Verzweiflung wurde größer und größer. Warum nahm mich der Himmel denn nicht auf? Wofür wurde ich denn so hart bestraft, hier unten weilen zu müssen und mich von der Realität erschlagen zu lassen? Ich wollte doch nur fort, ich wollte meine Freiheit, in meine andere Welt. Weit fort von hier.
Doch es ging nicht. Ich blieb stehen und sank in mir zusammen. Ließ mich auf den Rücken gleiten und sah die Sterne an. Es hatte sich nichts verändert. Alles war, wie es vorher gewesen war. Es hatte keinen Sinn, Fragen zu stellen, sie wurden doch nicht beantwortet. Keinen Sinn zu springen hatte es, denn von den Sternen aufgenommen wurde man ja doch nicht. Vielleicht ergab alles einen Sinn, eine simple Richtigkeit, die ich nur nicht sehen wollte, nicht sehen konnte. Sie erschlug mich doch! Aber was blieb mir anderes übrig? Vielleicht war es so beabsichtigt, dass ich hier unten bin und nicht dort droben bei den Sternen, bei denen ich mein Glück zu finden glaubte. Vielleicht gab es für mich auf der Erde einen Platz, einen Part, den nur ich besetzen und spielen konnte. Der nur für mich bestimmt war. Vielleicht konnte nur ich meine mir auferlegte Aufgabe erfüllen. Ich dachte an meine Mutter, meinen Bruder, und ich dachte an meinen Vater. Vielleicht waren sie es. Vielleicht waren sie meine Aufgabe.

Möglicherweise werde ich irgendwann zu den Sternen kommen, werde auf ihren Zacken sitzen und mit ihnen lachen und plaudern. Möglicherweise werde ich eines Tages bei ihnen sein. Doch zuvor wollen sie, dass ich hier unten alles erledige. Die Sterne wollen es eben so.
Und dann schloss ich selig die Augen und schlief mit ein paar Tränen und einem Lächeln auf den Lippen auf meinem Sternen-Trampolin ein.


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