Morgendämmerung
Sie erwachten in der Morgendämmerung; der Himmel war eine Mischung aus Grau und Gelb und die Wolken hingen dicht über ihnen. Eric sah hoch und runzelte ernst die Stirn. „Es wird sehr bald regnen. Lasst uns schnell aufsitzen und versuchen, so viel Weg wie möglich hinter uns zu bringen.“Isabel packte den Proviant und das Geschirr in die Tragtaschen, während die Jungs die Waffen an den Riemen befestigten. Sie hüllten sich in ihre Umhänge und stiegen rasch auf die Pferde, um los zu reiten.
Der Weg den Berg hinab forderte Isabels ganze Konzentration. Einige Felsen lagen lose im zwischen dem harten Gestein, ein falscher Tritt könnte schon entsetzliche Folgen haben. Sie musste stets auf den Weg vor ihr schauen und Kâze dementsprechend lenken. Er war ihr dabei eine große Hilfe. Seine Klugheit verblüffte sie immer wieder.
Als sie endlich das schwierige Stück passiert hatten und sich der felsige Untergrund in zertrampeltes Gras wandelte, konnte Isabel Kâze die Navigation überlassen. Alle drei schwiegen vor sich hin und hingen ihren Gedanken nach. Eric schien Isabel noch immer nicht verziehen zu haben. Jedes Mal, als sie ihn am Morgen in die Augen gesehen hatte, hatte er nur verbittert weggesehen und so getan, als könnte seine Arbeit Leben retten. Sie wandte sich lediglich von ihm ab. Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.
Doch jetzt, wo sie den ganzen Tag reiten würden, kam ihr diese Stille furchtbar unangenehm und trist vor. Lewin hatte den Clinch zwischen den beiden bemerkt und versuchte, keine Aufregung auszulösen, also schwieg auch er. Am Himmel zogen sich die Wolken immer dichter zusammen und ab und an hörte man in der Ferne ein Donnergrollen. Es würde tatsächlich sehr bald ein Regen über sie alle herziehen. „Nicht länger als ein paar Minuten…“, murmelte Isabel lautlos.
Kurze Zeit später saßen die drei unter einem alten Baum mit gewaltigem Blätterdach, die Pferde an den Stamm gebunden. Es schüttete in Strömen, an Weiterkommen war gar nicht zu denken. Eric sah stets nach, ob der Regen nachlassen würde, doch erfolglos.
Während Lewin einige Äpfel aufschnitt und leise eine Melodie vor sich hin summte, ging Isabel um den Stamm herum und berührte seine Rinde. Sie lächelte, denn der alte Spruch aus ihrer Kindheit schwirrte die ganze Zeit in ihrem Kopf umher. Eichen sollst du weichen, doch Buchen sollst du suchen. Niemals hätte sie sich auch nur ansatzweise erträumt, ihn einmal derart gebrauchen zu können. Eine Reisende in einem fremden Land, die sich auf ihrem Pferd vor dem Donner verstecken muss. Früher wäre sie einfach nach Hause gegangen.
Isabel wanderte um den Baum herum und ließ sich dann seufzend neben Lewin fallen. Manchmal war das Warten ganz furchtbar, vor allem dann, wenn sie ein Ziel vor Augen hatten und es so schnell wie möglich erreichen wollten.
„Darf ich ein Stück haben?“, fragte sie ihn traurig. Ihre Launen konnten sich so schnell ändern.
„Ja, klar.“, flüsterte er.
„Warum flüsterst du?“, fragte sie in normaler Lautstärke zurück.
„Na, wegen Eric.“
„Warum?“
„Weil er doch wütend ist.“
„Wenn du weiter so rumflüsterst, wird er noch wütender.“
In diesem Augenblick drehte Eric sich um und schenkte Isabel einen boshaften Blick. Er wandte sein Gesicht gleich darauf wieder wütend der Landschaft zu.
„Danke, Lewin.“
„Tut mir Leid, Isabel.“
Genervt stopfte Isabel sich ein paar Apfelscheiben in den Mund und musterte Erics Rücken. Ein schöner Rücken. Er erinnerte sie an die Szene auf der Lichtung. Eric war so ein talentierter Luftmagier, sie beneidete ihn um sein Talent. Was würde sie dafür geben, genauso gut mit ihren Kräften umgehen zu können wie er.


