Ochrasy
Er verdrehte die Augen und sah sie kopfschüttelnd an.Ihre Mutter setzte sich auf. Startschuss.
„Was ist eigentlich los mit dir?“
„Mama…“
„Nein, ich versteh’ es einfach nicht, warum kannst du ihn nach all den Jahren noch immer nicht leiden? Was hat er dir getan?“
Er saß einfach nur still da, die Beine übereinander geschlagen und die Arme verschränkt. Betrachtete die beiden. Wie sie über ihn sprachen.
Der zweite Schuss. Kopfschuss.
Sie konnte sich kaum noch zurückhalten, ihr Körper bebte. Dann sah sie auf. Es ging einfach nicht.
„Mama, ich habe es so satt. Ich bin es leid! Wann hörst du endlich damit auf? Warum kannst du’s nicht einfach sein lassen? Die einzige, die ich hier nicht verstehe, bist du!“
Sie ließ alles aus sich raus. Brach in Tränen aus.
„Warum kannst du mich nicht endlich in Ruhe lassen! Wenn er irgendetwas sagt, wenn ihr stundenlang im Bett liegt und über die nutzlosesten Dinge diskutiert, dann flennst du und schreist manchmal, doch ihr kommt am Ende immer auf einen grünen Pfad. Du siehst ein, was er zu sagen hat. Du akzeptierst es. Weil es Dinge gibt, die man nicht ändern kann, die man nicht erzwingen kann. Außerdem hörst du ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, findest alle seine Argumente gerechtfertigt und du pssscht ihn auch nie aus. Ich hasse es, warum kannst du das bei mir nicht auch machen? Warum kannst du’s einfach nicht kapieren, dass es so ist wie es ist. Du kannst mich nicht zwingen, ihn zu mögen! Du kannst jemanden nicht zwingen, irgendjemanden zu lieben oder zu mögen, es geht einfach nicht! Und es ist scheissegal, wie viele Jahre ihr jetzt schon zusammen seid, oder wie lange ich ihn kenne, wenn ich jemanden nicht so leiden kann wie jemand anderen, dann ist das eben so. Nur, ich kann’s einfach nicht verstehen, warum dir das nicht in den Kopf geht, warum du es einfach nicht lassen kannst, wie es ist, nämlich, dass es nie so laufen wird, wie du das gerne hättest. Tja! Es ist eben so. Du kannst daran nichts ändern, und hör endlich auf, mich anzubetteln, nett zu ihm zu sein, wenn ich es einfach nicht kann. Ich komme doch eh mit ihm klar, wir reden, sind nett zueinander, was willst du eigentlich noch von mir! Sei doch endlich mal froh, dass ich nicht eine von diesen Töchtern bin, die ihren Stiefvätern das Leben schwer machen. Wir diskutieren wenigstens nur über manche Sachen nicht, weil ich mit ihm nicht darüber reden will. Es könnte so viel schlechter sein, aber nein, du musst natürlich auch das bemängeln. Oh Gott, was soll ich denn machen, es wird eben nie so sein, wie du das willst, aber versuch’ wenigstens endlich, das zu verstehen und zu akzeptieren.
Du kannst mich nicht zwingen, jemanden zu mögen.“
Ihre Mutter war sprachlos und sah sie schockiert an, er warf ihr nur einen nicht verstehenden Blick zu. Beinah verächtlich. Gott, wie sie ihn im Moment hasste.
Sie stand auf, wandte sich um und ging in ihr Zimmer. Schloss hinter sich die Türe. Setzte sich auf ihren Sessel. Hörte Ochrasy. Was würde sie dafür geben, auch ihr eigenes Ochrasy zu haben.
And I’m dreaming ‘bout times, times that are gone,
Times when I lived alone
In my own land called Ochrasy
That place was everything to me
The world I made it up you see
It’s all there in my fantasy
And I believe it
Times when I lived alone
In my own land called Ochrasy
That place was everything to me
The world I made it up you see
It’s all there in my fantasy
And I believe it


