SILENCE oder DIE DESERTEURIN
Ich lief.Nein, ich rannte viel eher. Meine schneeweißen Haare, verflochten in einem hüftlangen Zopf, flogen hinter mir her und peitschten um sich, als müssten sie einem Gefangenen den Ungehorsam mit aller Gewalt herausprügeln. Ich hörte das Klirren der Metallgeräte und Phiolen am Gürtel meiner Hüfte, wie sie hin- und herschwangen und beim Aufprall ein klimperndes Geräusch von sich gaben, so als wollten sie mir zur Eile gebieten. Fast kam es mir vor, als würde ich vom Boden unter meinen Füßen abheben, so schnell war ich unterwegs.
Ich trug noch immer meinen Dolch und Suy’ule, eine Längsklinge von fast weißlichem Silber gefertigt, bei mir. Diese Klinge war keineswegs eine normale Waffe. Sie besaß eigene, mysteriöse Fähigkeiten. Der Vorgang, wie sie geschmiedet wurde, blieb bis zum heutigen Tage unbekannt, doch der Ruhm der Herstellung dieses einzigartigen Stückes gebührte dem Elfenvolk im Norden, den Éspien. Sie verliehen Suy’ule nicht nur stählerne Härte, bestialische Kräfte und einen Namen, der von der Rache der Sturmtochter erzählt, sondern ebenso einen Zauber. Würde man das Schwert als unrechtmäßiger Besitzer führen, so würde es keinerlei außerordentliche Merkmale zeigen. Doch wenn der wahre Inhaber, der Gebieter Suy’ules, es gebrauchte, so würden die Schriften, die fremden Zeichen in der Klingenmitte zu glühen beginnen und die Magie, die Suy’ule innewohnt, entfesselt werden. Diesen Zauber genau zu beschreiben, war eine Unmöglichkeit für jeden außer die Éspien. Aber für den Träger war es nur das Gefühl, dass diese Macht ausdrücken konnte, diese plötzliche Beschwörung einer unaussprechbaren Kraft, die Schnelligkeit, Stärke und immense Durchschlagskraft herbeiführte.
Doch nun konnte man von dem reinen Silber und dem schwärzlichen Material des Heftes kaum etwas erkennen. Die gesamte Längsklinge war durch und durch in Blut getränkt, ebenso wie der kleine, tödliche Dolch in meiner anderen Hand. Beide Waffen hielt ich fest in Händen, ich musste jederzeit angriffsbereit sein und durfte keine Sekunde zögern, ein Leben auszulöschen. Für mich war dies schon lange keine Sünde mehr, es verursachte bei mir weder Mitleid noch löste es ein schlechtes Gewissen aus. Ich hatte kein Gewissen mehr. Und mit meinen Gefühlen und Empfindungen war auch mein Mitleid gestorben.
In der Ferne erkannte ich einige Baumgruppen und ich musste erleichtert aufseufzen, als ich den Waldrand erblickte. Ich hob mein Tempo sogar noch ein bisschen an, mit meiner momentanen Geschwindigkeit konnte ich mit einem galoppierendem Pferd mithalten. Dass ich nicht schwer atmete, war ein gutes Zeichen, wobei dies bei mir eigentlich selten der Fall war. Wenn es um Geschwindigkeit ging, hatte ich nie Probleme und fand es noch viel eher aufregend und anspornend.
Mir kamen Raye, Blanche und Eriq in den Sinn, und ich erinnerte mich deutlich an einen der Übungstage, an denen wir endlich frei reiten durften. Das Training zu Pferd hatte davor monatelang gedauert, wir wurden allmählich immer zerknirschter und verbitterter, es war, als würden die Aufgaben kein Ende nehmen und die Lektionen sich bis in die Ewigkeit ziehen. Doch eines Tages versprach uns Syren, wenn wir unser Bestes geben würden, würden wir nach dem Training ausreiten dürfen, wohin wir wollten. Mit einer einzigen Bemerkung gewann er unsere brennende Aufmerksamkeit und wir strengten uns an jenem Nachmittag an, als ginge es um unser Überleben. Und es hatte sich gelohnt, Syren hielt sein Versprechen. Wir vier schwangen uns auf die Pferde, trieben sie an, und da hatte Raye die Idee, ein Rennen zu veranstalten. Und so lernte ich die Geschwindigkeit kennen und lieben und trainierte jeden Tag, sie zu führen und zu beherrschen.
Mir war im Klaren, dass es von nun an keine sorgenlosen Wettrennen mehr geben würde, genauso wie es die Abenteuer mit meinen Freun.. Kameraden nicht mehr geben würde. Während den kurzen Rückblicken in meine Vergangenheit waren nur wenige Augenblicke vergangen, nichtsdestotrotz hatte ich gar nicht bemerkt, dass der Wald in greifbare Nähe gerückt war. Wenn ich durch die hohen Bäume mit ihren verworrenen Ästen hindurchfliehen würde, könnte ich mir einen beträchtlichen Vorsprung gegenüber meinen Jägern verschaffen und dann würde die Flucht möglicherweise gelingen. Was ich danach tun würde, darüber könnte ich mir später auch noch Gedanken machen; nun zählte einzig und allein, dass ich diesen Wald lebend erreichte und ihn auch wieder lebendig verließ.
Ein paar Schritte noch, ein Sprung und ich befand mich inmitten des Waldes. Ich lief, doch musste ich mein Tempo ein wenig zügeln, sonst würde ich mich letztendlich noch an den Ästen und Gesteinsformationen verletzen und das wäre einzig eine unnütze Verzögerung, die mich vielleicht den Kopf kosten konnte. Ich sprintete einfach weiter, wich allem im Weg Stehendem aus und versuchte meinen Kurs nicht zu verlieren. Noch gab ich nicht auf, noch war die Hoffnung nicht verloren. So schnell würde mich der Tod nicht einholen.
Mein Name ist Soil. Ich bin eine Elfe, um genauer zu sein, eine Éspie. Mein Gedächtnis reicht nur bis zu meinem zehnten Lebensjahr zurück, und selbst die Erinnerungen an jene Zeit sind trübe. Ich wurde von einem Mann namens Syren aufgenommen, der mich und mehrere andere Gleichaltrige ausbildete und trainierte. Wir alle wurden zu Mördern abgerichtet, zu gewissenslosen Attentätern, die für eine höhere Macht die Rebellen und Gegner, die sich aufzulehnen wagten, geräuschlos beseitigen sollten. Wir waren die Elite unter den Killern. Wir waren die Silent Vendetta Einheit.
Und ich bin desertiert.


